Fehlende Entscheidungen im Fall Libro; bisher keine sichtbaren Konsequenzen für unerklärliche Machenschaften rund um Immofinanz alt; Bankmanager, die ganze Institute versenkt haben und nun seelenruhig Rennpferde züchten; Unternehmenschefs, die auf einem riesigen Bauskandal sitzen und simple Rechercheanfragen mit Klagsdrohungen beantworten; ein ehemaliger Finanzminister, der trotz Buwog-Desaster weiterhin in jede auf ihn gerichtete Kamera grinst; 300 versenkte Millionen bei Spekulationsgeschäften der ÖBB, und keinerlei substanzielle Neuigkeiten darüber, wie es mit den Anlegerverfahren rund um frühere Meinl-Gesellschaften weitergehen soll – in Österreich steigt das Empfinden, dass in Sachen Gerechtigkeit Stillstand herrscht.

Selbst wenn bei vielen sogenannten Affären keine strafrechtlichen Konsequenzen übrig bleiben, die moralische Komponente des Wirtschaftens bleibt derzeit arg auf der Strecke. Es geht in Richtung Selbstbedienungs-Republik.

Mit Gutmenschen-Getue hat das alles nichts zu tun. Das wäre ein allzu einfaches Argument, um ein Innehalten und Reflektieren darüber zu verhindern, was sich in den Köpfen einst hoch angesehener Entscheidungsträger abspielt beziehungsweise abgespielt hat. Auch die schärfste Wirtschaftskrise seit den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts kann in den wenigsten Fällen als Entschuldigung für offensichtlich falsches Verhalten dienen.

Warnungen, ein Teil der rund 400.000 Arbeitssuchenden könnte demnächst ausrasten, werden ignoriert. Wenn Ökonomen wie Stephan Schulmeister auf steigenden Druck innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges aufmerksam machen, ducken sich Entscheidungsträger und selbst berufene moralische Instanzen gerne weg, oder sie investieren noch rasch in ein Projekt von Investmentmanager Tilo Berlin.

Wirklich unangenehm ist das sozioökonomische Klima derzeit auch für das Rückgrat jeder Volkswirtschaft, die klein- und mittelständischen Unternehmen. Wenn wieder einmal eine Bank einen Kreditantrag mit dem Vermerk “Leider nicht” retourniert, beschleicht so manchen Betriebseigentümer ein seltsames Gefühl: Offensichtlich ist das Rad, an dem ich drehe, nicht groß genug, das Risiko zu überschaubar, das Vorhaben nicht dreist genug.

Das Gefühl, dass in letzter Zeit die Falschen für ökonomische Hoppalas haften, ist nicht nur ein Problem für die Verlierer am Arbeitsmarkt. Auch immer mehr ehrliche Wirtschaftstreibende fühlen sich langsam über die Maßen gefrotzelt.

Quelle: OTS/WirtschaftsBlatt/Robert Lechner

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